Eine kleine Nachtmusik

Konzert zum 200. Todestag Joseph Haydns

Nicht einmal der erwachsene Musikkenner muss sich der Liebe zu jener „Serenade in G“ schämen, die Ludwig Alois Ferdinand Ritter von Köchel als Nummer 525 ins Verzeichnis der Mozart’schen Werke eingetragen hat. Sicher, sie wurde weichgespült und mit Zuckerguss zugekleistert, wurde missbraucht als Paradebeispiel für den harmlos-verspielten Wolferl.
Welche Brisanz hingegen in der Gelegenheitskomposition steckt, führte das Main-Barockorchester beim Abschlusskonzert von Musica Viva in der Ehemaligen Kirche vor. Unter ihrem Leiter und Konzertmeister Martin Jopp arbeiten die elf Musikerinnen und Musiker die Kanten heraus, schärfen, spitzen zu, und plötzlich sprüht die beschauliche Unterhaltungsmusik revolutionäre Funken. Mit harschen Akzenten, bedrohlichem Forte und glasklarer Artikulation powert das Barockensemble, lässt die Musik nervös vibrieren, findet Momente der Beschaulichkeit, bevor es im letzten Satz wieder ordentlich zur Sache geht.
Mozarts Hit nimmt im Programm eine zentrale Position ein: Er bildet gewissermaßen das Scharnier zwischen dem ersten Teil des Konzerts mit einer Sinfonia von Giovanni Battista Sammartini und einem Violinkonzert Joseph Haydns und dem zweiten mit der „Friedenssymphonie“ Paul Wranitzkys.
Das Programmheft wie auch Ensemblechef Jopp betonen dabei noch einmal die zentrale Funktion Joseph Haydns für diesen Abend. Er kam anlässlich seines 200. Todestages mit einem Violinkonzert A-Dur zu Wort – und Jopp als Solist sowie das Orchester erbrachten einen Beweis mehr für Haydns leider immer noch verkannte Genialität. Mit einem kleinen Streicherapparat plus Cembalo erzeugte Haydn und mit ihm das Orchester ein Klangbild voller Tiefenschärfe und Plastizität in einer Musik, die durch ihre Spritzigkeit bezaubert, in ihrem Drive mitzieht und wie ein Artist durch hochvirtuose Kunststücke und plötzliche Wendungen überrascht und verblüfft und dabei dennoch substanziell bleibt. Ein Spagat, um den Haydn manch ein heutiger Komponist beneiden dürfte.
Freilich muss man diese Momente herauskitzeln können, und das beherrscht das Main-Barockorchester in hoher Perfektion. Jopp gestaltet seinen Solopart feinsinnig, stellt nicht die Virtuosität und die mitunter vertrackte Lage auf der Geige in den Mittelpunkt, sondern die Musik. Und das Orchester selbst überzeugt durch feingliedrige und vor allem präzise Artikulation.
Beschlossen wurde das Konzert und damit das Festival schließlich mit einem Stück Agitationsmusik der Wiener Klassik, der „Grande Symphonie Charactéristique pour la Paix avec la République Françoise“ von Paul Wranitzky. Darin feiert der seinerzeit berühmte Komponist und Dirigent die Französische Revolution: Es wird marschiert und gekämpft und geköpft und getrauert – aber ganz am Ende doch der Friede gefeiert. Eine gelungene Schlusspointe für Musica Viva.
Von Ralf Döring

Neue Osnabrücker Zeitung über das Konzert in Hagen am Teutoburger Wald, 23.09.09

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